Zu den vordringlichen Zielen der Geburts- und Perinatalmedizin zählt die Vermeidung von Frühgeburten. Und das ist laut Professor Dr. Erich Saling, dem Nestor der Geburtsmedizin in Berlin, durchaus möglich. Aus seiner Sicht lassen sich Frühgeburten mit einer Lawine vergleichen: Es beginnt mit einem winzigen Auslöser, der sich noch mit einfachen Mitteln beherrschen ließe. Hat die Lawine jedoch bestimmte Ausmaße erreicht, kann sie nicht mehr aufgehalten werden. Das unreife Kind kommt viel zu früh zur Welt.
Die häufigsten Gründe für eine Frühgeburt ab der 24. Schwangerschaftswoche sind Infektionen der Scheide bei der werdenden Mutter. Etwa 20% aller Schwangeren sollen davon betroffen sein. Die sogenannte bakterielle Vaginose beginnt zumeist mit einer Scheideninfektion und diese beruht auf einer Milieustörung. Die Infektion kann in die Gebärmutter aufsteigen und dort vorzeitige Wehen auslösen. Im Gegesatz zu der Untersuchung auf Chlamydien, einem häufig vorkommenden Keim in der Scheide, deren Kosten die gesetzlichen Krankenkassen erstatten, ist der Kontrollabstrich auf Bakterien eine Privatleistung. Lediglich bei einem dringenden Verdacht auf bakterielle Vaginose übernehmen die gesetzlichen Krankenkassen die Kosten.
Offizielle Daten über die genaue Anzahl von Frühgeburten liegen in Deutschland nur für die Gewichtsverteilung vor. Dmnach wird die Rate der Frühgeborenen hierzulande mit rund sech Prozent angegeben. Bezogen auf alle Lebendgeborenen sind diese untergewichtig (unter 2500 Gramm). Besonders gefährdet sind Kinder, die sehr früh (vor der 28. Woche) mit 1000 Gramm und weniger zur Welt kommen. Obgleich die Neugeborenen-Intensivmedizin in den letzten Jahrzehnten bedeutende Fortschritte gemacht hat, gilt es, eine drohende Frühgeburt rechtzeitig zu erkennen. Noch wesentlicher ist jedoch die umfassende Vorbeugung.
Weist das Scheidenmilieu ausgewogene Verhältnisse aus, können von außen eindringende Keime wie Bakterien, Viren und Pilze wenig ausrichten. In diesem Fall wird das körpereigene Abwehrsystem von Milchsäurebakterien (Lactobacillus acidophilus) optimal unterstützt. Die Scheidenflüssigkeit ist im Eingangsbereich durch die Milchsäure deutlich sauer und wehrt damit unerwünschte Eindringlinge ab. Dieser Säuregrad wird mit dem pH-Wert angegeben. Im Normalfall liegt er zwischen 4,0 und 4,4. Höhere Werte zeugen von einem gestörten Gleichgewicht. Gewinnen gefährliche Keime durch eine Schwächung der körpereigenen Abwehr oder ungünstige äußere Bedingungen die Oberhand über die Milchsäurebakterien, lässt sich das am veränderten pH-Wert nachweisen. Das heißt, der reguläre Säuregrad des Scheidenmilieus ist ein natürlicher Schutzschild gegen gefährliche Keimbesiedlung.
Schwangere sollten Veränderungen des Scheiden-pH-Wertes zwischen den Vorsorgeterminen beim Frauenarzt selbst überprüfen. Sie können damit aktiv zum Gelingen ihrer Schwangerschaft und Gedeihen des Kindes beitragen. Für die Messung des pH-Wertes wurde ein Handschuh entwickelt, an dessen Zeigefinger ein Test-Papier befestift ist. Nach Kontakt mit der Scheidenflüssigkeit zeigt dessen Färbung an, ob der Scheiden-pH-Wert normal ist oder ob er sich verändert hat. Die Messung ist denkbar einfach und kann zu jeder Tageszeit durchgeführt werden.
Es wird empfohlen, den pH-Wert von Beginn der Schwangerschaft bis zum Ende der 34. Schwangerschaftswoche zu messen. Auch wenn die Schwangerschaft bereits fortgeschritten ist, lohnt es sich, mit dem Vorsorgeprogramm zu beginnen. In der Regel wird die Messung bei einer unkomplizierten Schwangerschaft ein- bis zweimal durchgeführt. Ein häufigeres Messen des pH-Wertes ist dann angezeigt, wenn das Risiko einer Keimbesiedlung vorliegt oder eine Scheideninfektion bereits bei einer vorangegangenen Schwangerschaft festgestellt wurde. Besondere Wachsamkeit ist geboten, wenn die Schwangere bereits eine Fehl- oder Frühgeburt erlitten hat.
Ein einmaliger "Ausrutscher" des pH-Wertes ist kein Grund zur Aufregung! Er könnte beispielsweise nach dem Geschlechtsverkehr durch Samenflüssigkeit verändert sein. Es ist ratsam, erst 24 Stunden nach dem Verkehr eine Kontroll-Messung vorzunehmen. Ein weiterer Grund für Abweichungen des pH-Wertes liegt vor, wenn das Testpapier am Untersuchungshandschuh mit Urin in Berührung gekommen ist. Auch sollte der Intimbereich vor der Messung nicht gewaschen oder geduscht werden. Ein vom Normbereich abweichendes Messergebnis sollte immer einige Stunden später oder am nächsten Morgen mit einer zweiten Messung überprüft werden. Wenn der pH-Wert auch dann noch ein abweichendes Ergebnis zeigt, sollte der Ursache in der gynäkologischen Praxis auf den Grund gegangen werden. Die Scheidenflora wird je nach Schweregrad der Veränderung mit Lactobacillus-Präparaten korrigiert oder mit antibiotisch wirksamen Cremes behandelt.
Professor Udo Hoyme konnte in seiner "Erfurter Aktion zur Vermeidung von Frühgeburten" die pH-Selbstkontrolle als erfolgreiches Verfahren untermauern. Der Nutzen des Test zeigt sich deutlich in der Vermeidung von Entbindungen vor der 34. Schwangerschaftswoche. Die Rate sank von 3,3 auf 0,3 Prozent. Das Ergebnis überzeugte auch das Thüringer Frauen- und Familienministerium, das den Test landesweit durchführen ließ. Lediglich die gesetzlichen Krankenkassen ignorieren den erfolgreichen pH-Test und weigern sich, das Thüringer Modell zu unterstützen. Auch in den anderen Bundesländern werden die Testhandschuhe nicht bezahlt. Das unter der Bezeichnung CarePlan in Apotheken erhältliche Vorsorge-Paket kostet bei Anwendung bis zur 34. Schwangerschaftswoche 50 bis 60 Mark. Unabhängig von der Selbstkontrolle kann er Frauenarzt bei den Vorsorgeterminen den pH-Wert in der Scheide kontrollieren. Es entsteht ein engmaschiges Netz, das der Sicherheit von Mutter und Kind dient. Hoyme regt an, ein Feld im Mutterpass für die pH-Untersuchung der Scheide einzurichten, um der Vorsorge zur Vermeidung von Frühgeburten den gebührenden Stellenwert einzuräumen.